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Barocke Schmuckarbeit
Emma Kirkby, John Holloway und Lars Ulrik Mortensen im Karmeliterkloster
Drei Stars der Barockmusik-Szene als Ensemble, "das man in dieser Kombination selten wieder hören wird", wie Thomas Rainer zur Begrüßung sagte: Das war der Sonderkonzert -Bonbon zum Jubiläum der von ihm vor zehn Jahren gegründeten Kultur-Agentur
"Allegra" in der Reihe der Frankfurter "Klosterkonzerte". Eine Zeitlang mußte man sich im Kreuzgang des Frankfurter Karmeliterklosters gleichwohl "einhören". Denn die Sopranistin Emma Kirkby, der Violinist John Holloway und der Cembalist Lars Ulrik
Mortensen sind gleichermaßen starke Musiker von solistischem Rang, die ihren Parts eine so individuelle Note gaben, daß das klassisch-romantische Homogenitätsideal gänzlich, aber eben barockgemäß durchkreuzt wurde.
Zu hören waren Händels Neun Deutsche Arien HWV 202-210 für Sopran, Violine und Basso continuo, durchmischt mit Instrumentalsätzen meist italienischer Provenienz, die jeweils so eingeschoben waren, daß größere Spannungsbögen entstanden, die nicht durch Applaus unterbrochen werden sollten. Vier Sätzen der Sonate für Violine und Basso continuo op. 1,1 von Francesco Maria Veracini (1690-1768), die der Florentiner 1723 als Hofmusiker in Dresden schrieb, bekamen klares Profil. Holloway intonierte dazu in
relativ herbem Klang scharf, merklich besonders bei der Chromatik in der Aria, und ließ sich etwa in der Giga von seinem vertrauten Kammermusik-Partner Mortensen zu musikantischem, italienisch-feurigem Spiel anstacheln.
Solistisch verliehen der frühere, langjährige Konzertmeister der Taverner Players sowie der London Classical Players und der Trevor-Pinnock-Schüler zwei ernsten Sätze Ausdruckstiefe: Dem Largo aus der Fantasia Nr. 1 für Violine solo von Telemann und der
Cembalo-Sonate f-Moll K 365 von Domenico Scarlatti. Melodisch reizvolle Instrumental-Arien steuerten sie mit den langsamen Sätzen aus der Sonate für Violine und Cembalo op. 5,6 von Arangelo Corelli bei.
Am nachhaltigsten wirkten die Händel-Arien mit Emma Kirkby. Die mit ihrer schlackenfreien Tongebung das Klangideal der historischen Aufführungspraxis wie kaum eine zweite geprägt hat, sorgte aus den Noten in perfekt artikuliertem Deutsch singend
für eine denkbar plastische Textauslegung. Da trat in mit locker-leichten Koloraturen "Das zitternde Glänzen der spielenden Wellen" vor das geistige Auge oder eine barocke Schmuckarbeit, wenn ihre strahlende Stimme "lockendes Silber" heraufbeschwor. Oder
es vermittelte sich "Süße Stille" in warmem, entspanntem Timbre. Nach einer Purcell-Zugabe ("In the evening hymn") sollte die Wiederholung der Händel-Arie Nr. 7 besonders zu Frankfurt passen, wie Holloway scherzte: "Die ihr aus dunkeln Grüften den
eiteln Mammon grabt."
(© Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.06.2005)

Heiter mit finsteren Gesten
Gitarre und Hammerflügel
Daß die Duo-Besetzung Gitarre und Klavier vor 200 Jahren sehr beliebt war, hängt mit dem schwächeren, aber anders differenzierbaren Klang der damals gebräuchlichen Hammerflügel zusammen. Würde das Spiel eines Gitarristen heute vom stählernen Ton des modernen Flügels erdrückt, so ließ sich auf den Pianoforte-Instrumenten um 1800 gegenüber der Gitarre eine Stimmigkeit in der Balance und den Klangfarben bis hin zur Homogenität erzielen. Begünstigt zumal durch oft vorhandene Möglichkeiten zur starken Tondämpfung der Flügel, mußte es die Gitarristen nicht einmal große Mühe kosten, sich beim Melodiespiel zu behaupten.

Das alles belegten Maximilian Mangold (Gitarre) und Kristian Nyquist (Hammerflügel) in der Konzertreihe der Agentur Allegra im Frankfurter Karmeliterkloster gut abgestimmt auf ihren nachgebauten historischen Instrumenten. Das Raritäten-Programm offenbarte aber auch eine Schwierigkeit: Einige der vorwiegend italienischen Komponisten, die für diese Besetzung schrieben, waren offenbar unentschlossen, welchen Charakter ihre Duos annehmen sollten, einen ganz klassisch-ernsten oder eher einen volkstümlich-unterhaltenden.

Diese oft taktweise Divergenz ließ manchmal schmunzeln über die Grande Sonate brillante op. 102 des Wieners Anton Diabelli (1781-1858), den man als Verleger und durch Beethovens "33 Veränderungen über einen Walzer von Anton Diabelli" kennt: Hochdramatisch finstere Gesten leiteten volkstümlich Heiteres ein. Ähnlich verhielt es sich im Grand Duo e-Moll op. 86 von Ferdinando Carulli (1770-1841). Das Duo op. 134 desselben Komponisten und eine Sonate von Tommaso Giordani (um 1730-1806) wirkten da in ihrer charmant unterhaltsamen Art entschlossener.

Einen oft belächelten Komponisten ließ Nyquist solistisch ungewohnt zu Wort kommen: Die 1802 entstandene Sonate h-Moll von Muzio Clementi stand in temperamentvoller Gestaltung mit Ernst, Tiefgang und energisch grollenden Bässen Beethoven nicht fern. Inspirierte und anspruchsvolle Soli von Caspar Joseph Mertz (1806-1856) und Fernando Sor waren in Mangolds differenziertem Vortrag weitere Höhepunkte.

(© Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.07.2005)


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